Christoph Müller
Sammler und Schenker
Als der Journalist und Verleger Christoph Müller in den frühen 1980er Jahren begann, Kunst zu sammeln, war er selbst überrascht. Auf einer Messe in München entdeckte er niederländische Ölgemälde aus dem 17. Jahrhundert zu Preisen, die er sich leisten konnte. Damit hatte er nicht gerechnet. Ebenso überraschend war auch seine Begeisterung für diese Periode der Kunst. Aufgewachsen ist er mit Bildern von Oskar Schlemmer, Fernand Léger oder Willi Baumeister, mit denen sein Vater Umgang pflegte und deren Werke neben schwäbischen Impressionisten zu Hause in Stuttgart an den Wänden hingen. Und Müllers Lebenspartner, der Theaterregisseur und Bühnenbildner Axel Manthey, kaufte später Gerhard Richter, Thomas Huber und andere Zeitgenossen. Doch Christoph Müller kaufte Altmeister aus den Niederlanden, erst einen, dann drei und dann immer mehr, statt im Kunsthandel bald auf Auktionen in Amsterdam, London und New York, dazu Zeichnungen, Druckgrafik, Ausstellungskataloge und Fachbücher, die für ihn zu Bibeln der Welterkenntnis wurden.
Müller sprang ein
Dann, nach 25 Jahren, schenkte er dem Berliner Kupferstichkabinett mehrere Hundert Arbeiten auf Papier, einige Jahre später gingen mehr als 150 Ölbilder ans Schweriner Museum – die zahlenmäßig größte Altmeisterschenkung der Nachkriegszeit –, und er begann von vorn, viel freier in seiner Auswahl, wenn auch mit einem Schwerpunkt auf dem 19. Jahrhundert und der den Niederlanden verwandten dänischen Kunst dieser Zeit. Müller kaufte und verschenkte, immer wieder ersteigerte er Kunstwerke im Auftrag von Museen, wenn Kuratoren in Auktionskatalogen etwas entdeckt hatten, das sie unbedingt lückenschließend erwerben wollten, denen aber die Mittel dazu fehlten. Müller sprang ein.
Sachwalter der Maler und deren Bilder
Er sah sich als Sachwalter der Maler und deren Bilder, die er als seine Kinder bezeichnete. Für ihn bedeutete das vor allem eine ernsthafte und intensive Beschäftigung mit jedem einzelnen Werk: Was ist darauf zu sehen? Wie ist es gemalt? Was will uns der Maler sagen? Wie steht das Bild in seinem historischen Kontext? Er sprach von einer »Schule des Sehens« und ließ bei Ausstellungen seiner Sammlung Taschenlampen und Lupen ausgeben, damit die Besucher Vögel in den Bäumen zählen konnten – eine typische Müller-Aufgabe, mit der er auf seinen mehrere Stunden dauernden Führungen die Betrachter immer wieder zum Hinschauen zwang. Seine Sammlung war in Einzelausstellungen im Ulmer Museum zu sehen, in der Kunsthalle Tübingen, in Freiburg, in Berlin im Kupferstichkabinett und in der Nationalgalerie, in Schwerin, Greifswald, in Köln, Leipzig, Jena, Rottenburg und Reutlingen. Bei zahllosen Ausstellungen war Müller darüber hinaus mit Leihgaben vertreten.
Die Dänen kommen!
In wenigen Jahren hatte er mit wiederum mehr als 150 Werken die größte Dänen-Sammlung in Deutschland zusammengetragen – und schenkte sie 2016 dem Pommerschen Landesmuseum in Greifswald, das die Bilderflut, von der zuvor Teile in der Berliner Nationalgalerie zu sehen gewesen waren, mit dem auf Plakaten, Flyern und Postkarten verbreiteten Gruß »Die Dänen kommen!« empfing. Müller wurde für sein Engagement für die Kunst in der Presse und im Fernsehen gefeiert. Das Land Mecklenburg-Vorpommern ehrte ihn mit dem Verdienstorden des Landes, der Zusammenschluss der selbständigen Kulturinstitute (ASKI) verlieh ihm die Maecenas-Ehrung.
Als er am 17. September 2024, kurz nach seinem 86. Geburtstag starb, hinterließ er fast 2000 Kunstwerke, die sich noch in seinem Privatbesitz befanden. Diese Werke nun in den Besitz öffentlicher Museen zu überführen, ist für uns der unausgesprochene Auftrag Christoph Müllers.